NachtMahl auf Schloss Freudenberg - die ultimative Achtsamkeitsübung



Gestern Abend besuchten meine Freundinnen und ich Schloss Freudenberg in Wiesbaden und nahmen am NachtMahl teil. Bilder konnte ich keine machen, da in absoluter Dunkelheit gegessen wurde, und das meine ich wörtlich. Man hat die Hand vor Augen nicht gesehen. Und wer jetzt denkt, dass sich das Auge langsam gewöhnt, um dann wenigstens Umrisse zu erkennen, der liegt falsch! Die Dunkelheit bleibt während des ganzen Essens unverändert und unerbittlich.

Bevor es los geht, erhalten wir eine Einweisung von der freundlichen Daya, die uns mit Ihrer ebenso freundlichen Kollegin Freya den Abend über bedient, und zwar ohne Nachtsichtgerät, in absoluter Dunkelheit. Bei dem Hinweis, wir sollten uns melden, falls wir uns im Speiseraum unwohl fühlten oder gar Panik bekämen, werde ich nervös. Diese Möglichkeit hatte ich bislang gar nicht in Betracht gezogen. "Der Körper reagiert in absoluter Dunkelheit anders" führt sie aus, und das konnten auch wir deutlich spüren.

Bevor es durch einen Dunkelgang mit unwägbaren Bodenverhältnissen und Stufen in den Speiseraum geht, nehmen wir uns instinktiv an die Hand. Die körperliche Nähe tut gut. Im Speisesaal angekommen wird unsere Gruppe (15 Leute) an eine längliche Tafel gesetzt. Wir erfahren, was vor uns auf dem Tisch liegt (Besteck, Serviette, Wasserglas, etc.). Wasser sollen wir uns selbst einschenken, was die erste Herausforderung war, aber eigentlich recht gut klappte. Wir sind überrascht, wie schnell man sich doch an die Dunkelheit gewöhnt und diese auch nicht mehr als bedrohlich empfindet. Die Gespräche, die sich in der Gruppe entwickeln, sind richtig witzig! Keiner sieht den anderen und der Austausch ist ein gänzlich anderer.

Dann werden uns nacheinander die sog. "Genuss-Stationen" angereicht. Die Idee ist, zu erkunden, was sich in den Gefäßen befindet, und zwar durch Tasten, Riechen, Schmecken und evtl. Horchen. Die ultimative Achtsamkeitsübung. Der Slogan des Veranstalters "Beim NachtMahl in der absoluten Dunkelheit, ohne Blicke, ohne Zusehen und Zuschauen, erleben Sie Nährendes so intensiv wie nie zuvor." erweist sich als absolut zutreffend. Als wir erfahren, dass die Suppe, die wir alle als sehr aromatisch und lecker empfunden haben überhaupt kein Salz oder andere Gewürze enthält, sind wir baff! Und diese Erfahrung wiederholt sich bei jedem Gang: durch das Ausblenden der Sehkraft empfinden wir das Essen in einer völlig neuen und intensiven Art. Bei der dritten Genuss-Station habe ich das Besteck zur Seite gelegt und alles, was auf meinem Teller lag zunächst gerochen und ertastet (feuchte Tücher zum Reinigen der Hände werden gereicht).

Insgesamt hat sich in dieser doch extremen Situation die Kraft der Achtsamkeit vollends bestätigt: wenn wir nicht nur das Essen sehen, sondern es auch mit unseren anderen Sinnen achtsam wahrnehmen, verbinden wir uns mit der Nahrung, sind komplett bei der Sache, Essen langsam und mit Bedacht. Eine absolute Wohltat für unseren Körper! Sorgenvolle Gedanken über andere Themen gibt es bei einem solchen Essen nicht: die laufen nämlich in einem anderen Schaltkreis des Gehirns ab, der nun abgestellt ist. Das achtsame Essen mit allen Sinnen und Bedacht können wir - wenn auch in weniger spektakulärer Form - jeden Tag praktizieren.

Nach ca. 2 Stunden werden wir aus dem Speiseraum durch den Dunkelgang in das Foyer zurück geführt und offen gestanden war ich richtig erleichtert, wieder im Licht zu sein! Fazit: Eine tolle und aufregende Erfahrung, die ich weiter empfehlen kann, wenn auch nicht ganz billig (65,- Euro pro Person). Das Ambiente des Schlosses, das noch viele andere sinnliche Erfahrungen anbietet, entschleunigt sobald man das Terrain betritt. Auf dem Rückweg zum Parkplatz haben wir das Gefühl, als hätten wir ein Wochenendseminar absolviert. Der Alltag, der bei unserer Ankunft um 18 Uhr vor allem in Form von Müdigkeit noch so präsent war, war nun weit entfernt.

https://www.schlossfreudenberg.de/finsternis/nachtmahl.html

Mit allen Sinnen!


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