Können wir noch unbeschwert essen?

January 29, 2017

Worum geht's ?

 "Ich habe Angst, dass ich krank werden könnte oder Allergien bekomme, wenn ich etwas Falsches esse", "Ich versuche alles einzuhalten, was man über gesunde Ernährung liest. Kohlenhydrate nach 16 Uhr gehen gar nicht!"; "Mist, ich habe gestern einen Schluck Cola-Light getrunken, ich hoffe, das schadet mir nicht..." Diese Sätze sind Aussagen von Menschen, die an Orthorexia Nervosa leiden. Ihr habt das vielleicht schon in meinem Buch gelesen: Der kalifornische Alternativmediziner und Yogalehrer Steve Bratmann hat sich bereits 1997 über diese Krankheit geäußert. "Anstatt eines Lebens haben Menschen, die an Orthorexia Nervosa leiden, einen Speiseplan". Eine Mahlzeit kann für Menschen, die an Orthorexia leiden nie gut genug, nie nährstoffreich genug sein. Kleinste Verstöße gegen den Speiseplan lassen Scham und irrationale Ängste, das Essverhalten könne zu Krankheit führen, folgen.

 

Natürlich sind das Extrema, die der Krankheit gezollt sind. Doch auch unterhalb dieses Niveaus sind Tendenzen zu erkennen, die uns nicht unbedingt gut tun. Positiv ist zunächst mal, dass wir uns in der heutigen Zeit immer bewusster ernähren. Negativ jedoch, dass wir eine Orange nicht essen, weil sie schmeckt, sondern weil wir vor allem Vitamin C zu uns nehmen wollen. Ihr versteht worauf ich hinaus will?

 

Essen hatte schon immer und wird immer einen starken kulturellen Aspekt haben. Wir verbinden uns über unsere kulinarischen Traditionen und spüren, dass manche Mahlzeiten nicht dem Stillen von Hunger dienen, sondern eine soziale Komponente haben. Als ich kürzlich (siehe Blogbeitrag vom 27.11.16) einen Vortrag über achtsame Ernährung in der Grundschule gehalten habe, hat mich ein Schüler gefragt: "Warum trinken Erwachsene immer so lange Kaffee?" Wow, da habe ich mal kurz schmunzeln müssen und habe ihm erklärt: "In diesem Fall hat das Kaffee trinken nichts mit Durst zu tun. In diesem Fall ist Kaffee trinken der kulinarische Rahmen, in dem andere Dinge besprochen werden." Verstanden hat der Schüler das glaube ich nicht wirklich - auch wenn ich es damals einfacher erklärt habe. Wie denn auch? 

 

Abgesehen von den kulturellen Gegebenheiten, die es in Bezug auf Essen schon seit Menschengedenken gibt, hat in unserer heutigen Zeit Essen - neben den Ratschlägen, die in den Medien in absurd hoher Zahl geteilt werden (und dann auch noch oft widersprüchlich sind) -  auch oft moralische Implikationen. Ich selbst ernähre mich ganz bewusst vornehmlich vegan aus ökologischen und ethischen Gründen. Auch wenn diese Ziele nobel sind (zumindest aus meiner Sicht), dürfen wir dabei nicht vergessen, dass uns Nahrung keine seelische Heilung bringt. Oft ist das Gegenteil der Fall: Wenn Ernährungskonzepte zu einem zwanghaften Konstrukt werden, tun sie uns nicht mehr gut. Dabei ist es egal, ob wir uns vegan ernähren, vor allem basisch, den Zucker weglassen, Clean Eating betreiben, eine bestimmte Diät durchführen, etc.  

 

Meine Empfehlung: Erkundet, was Eurem Körper gut tut - durch Achtsamkeit ("Achtsamkeit und die Kunst des bewussten Essens" lesen!). Euer Körper informiert Euch wesentlich besser, als es jeder Ratgeber, der immer nur für die breite Masse geschrieben wurde, tun kann. Natürlich ist es sinnvoll, Aspekte über gesunde Ernährung zu kennen - deshalb schreibe ich auch u.a. darüber. Aber, diese Richtlinien (mehr sind sie nicht) dürfen nicht zu einem starren Korsett führen, das uns einengt... das uns ein schlechtes Gewissen macht... das Nahrung zu einer reinen Kopfangelegenheit werden lässt, anstatt purem Genuss. Wenn ich Nahrungsmittel zu mir nehmen, von denen ich weiß, dass sie keine sinnvollen Nährstoffe haben, sage ich mir mittlerweile: Scheiß der Hund drauf! Ich brauche das jetzt, ich möchte das jetzt und ich genieße das jetzt - ohne schlechtes Gewissen oder Scham. Denn essen mit schlechtem Gewissen setzt dem Essen, das nicht viele wertvolle Nährstoffe enthält, noch die Krone auf... Wir sind alle nicht perfekt, auch nicht beim Essen. Savoire vivre!

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